🔵 Eklat im Studio Tel Aviv – wenn journalistische „Einordnung“ zur Verzerrung wird
Im Spätherbst 2025 kam es im ARD-Studio in Tel Aviv zu einem Vorfall, der weit über eine interne Auseinandersetzung hinausreicht. Er zeigt, wie eng journalistische Verantwortung, historische Sensibilität und politische Spannungsfelder miteinander verknüpft sind, besonders dann, wenn es um Israel, den 7. Oktober und die mediale Darstellung dieses Landes geht. Im Zentrum steht ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann, deren Nahost-Berichterstattung seit Monaten für Kontroversen sorgt.
Ein Besuch mit Brisanz
Ende Oktober 2025 besuchte Ludwig Spaenle, Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Landesregierung, das ARD-Studio in Tel Aviv. Für Spaenle war es auch ein persönlicher Termin, denn der Bayerische Rundfunk, Betreiber des Studios, ist seine berufliche Heimat aus früheren Jahren. Doch statt eines unbeschwerten Wiedersehens kam es offenbar zu einem Eklat.
Mehrere Teilnehmer berichten, dass Sophie von der Tann im Gespräch die Gräueltaten der Hamas vom 7. Oktober 2023 relativiert habe. An jenem Tag ermordeten Hamas-Terroristen über 1200 Israelis, darunter Frauen und Kinder, und verschleppten rund 250 Menschen nach Gaza. Für Israel ist dieser Tag eine historische Traumata-Grenze, das schlimmste Massaker an Juden seit der Shoa.
Der umstrittene Satz
Von der Tann soll im Gespräch geäußert haben, das Massaker habe eine „Vorgeschichte“. Gefragt, wie sie das meine, verwies sie offenbar auf historische Entwicklungen, die bis zum Zerfall des Osmanischen Reiches zurückreichten. Für viele Gesprächsteilnehmer war diese Aussage eine klare Relativierung der Tat, besonders in einem Land, in dem der 7. Oktober ein Wundpunkt von nationalem Ausmaß ist.
Das ARD-Studio selbst äußerte sich auf Nachfrage knapp und verwies darauf, Korrespondenten würden grundsätzlich für Gespräche zur Verfügung stehen, interne Inhalte jedoch nicht kommentieren. Gleichzeitig verteidigte der Sender seine Berichterstattung als professionell, ausgewogen und nach internationalen Standards.
Warum diese Aussage so schwer wiegt
Die Kritik richtet sich weniger gegen historische Einordnung an sich, Kontext gehört zum Handwerk. Entscheidend ist, was Kontext in diesem Fall bedeutet: Eine Tat, die so brutal und eindeutig ist wie das Massaker vom 7. Oktober, verliert durch „Vorgeschichten“ schnell ihre moralische Klarheit. In Israel wird jede Form von Verwässerung der Ereignisse als Angriff auf die kollektive Erinnerung wahrgenommen.
Auch Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, hatte bereits zuvor deutliche Kritik geäußert und den ARD-Berichten vorgeworfen, Israel zu dämonisieren. Seit Langem steht von der Tann in der Diskussion, weil ihre Wortwahl, inhaltliche Gewichtung und Schwerpunktsetzung nach Ansicht vieler Beobachter ein konsistentes Muster ergeben, eines, das Israel kaum jemals als Opfer, sondern regelmäßig als Hauptschuldigen darstellt.
Preisverleihung zur Unzeit
Brisant wird der Vorfall zusätzlich, weil von der Tann ausgerechnet in diesen Tagen mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ausgezeichnet werden soll, einer der bedeutendsten Auszeichnungen im deutschen Journalismus. Die Jury beschreibt sie als außergewöhnliche Reporterin, die „cool, aber nicht kalt“ arbeite und komplexe Realitäten verständlich mache.
Dass ausgerechnet jetzt ein neuer Vorwurf der Relativierung im Raum steht, sorgt auch in der ARD intern offenbar für Unruhe. Kritik an der Preisvergabe hatte es bereits im Vorfeld gegeben, insbesondere aus israelischen diplomatischen Kreisen.
Mein Blick auf die Sache
Der aktuelle Vorfall kommt nicht überraschend. Sophie von der Tann steht nicht zum ersten Mal in der Kritik, weil ihre Berichte aus Israel auffallend unausgewogen wirken. Viele Beobachter, darunter Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft, Diplomaten und Medienanalysten, sehen in ihrer Nahost-Berichterstattung ein Muster, das Israel regelmäßig in ein verzerrtes Licht rückt. Von der notwendigen journalistischen Distanz ist dabei wenig zu spüren.
Wenn eine Korrespondentin in einem der sensibelsten Konfliktgebiete der Welt wiederholt Formulierungen wählt, die zentrale Fakten verwässern und Täter-Opfer-Konstellationen verschieben, dann geht es nicht mehr um stilistische Feinheiten. Es entsteht der Eindruck, dass hier kein nüchterner Blick auf die Realität stattfindet, sondern eine Erzählung fortgeschrieben wird, die mit Objektivität nur bedingt vereinbar ist.
Journalismus soll kritisch sein, klar, aber eben auch präzise, fair und frei von ideologischer Schlagseite. In Tel Aviv bedeutet das vor allem, die Abgründe des 7. Oktober klar zu benennen und nicht in historischen Nebel zu verpacken. Wer das trotzdem tut, riskiert nichts weniger als den Verlust von Glaubwürdigkeit und beschädigt das Vertrauen in öffentlich-rechtliche Auslandsberichterstattung an einer der heikelsten Fronten der Welt.
Kommentar
Dieser Zwischenfall ist weit mehr als ein interner Streit im ARD-Studio. Er zeigt exemplarisch die Schieflage, die entsteht, wenn vermeintliche „Ausgewogenheit“ zur Ausrede wird, um klare moralische Linien zu verwischen. Der 7. Oktober ist kein historisches Detail, sondern ein barbarischer Angriff auf Zivilisten. Wer diesen Tag zuerst historisiert, statt ihn zu benennen, wie er war, riskiert, Narrative zu stärken, die längst politisch instrumentalisiert werden. Die Frage, die bleibt: Wie viel Einordnung verträgt die Wahrheit, und ab wann kippt sie in Verzerrung?
