Rückzug unter Druck – Warum die Gaza Humanitarian Foundation ihre Mission nach fünf Monaten beendet
🔵 Ein ungewöhnlicher Akteur betritt die Bühne
Als die Gaza Humanitarian Foundation (GHF) vor fünf Monaten ihre Arbeit im Gazastreifen aufnahm, wirkte es wie ein Experiment. Eine US-basierte Organisation, eng verzahnt mit israelischen Regierungsvertretern und wirtschaftlichen Kreisen, wollte ein neues Modell humanitärer Versorgung etablieren – unabhängig von UN-Strukturen und angeblich resistenter gegen Einflussnahme durch Hamas. Die Versprechen waren groß: effizientere Verteilung, weniger Manipulation, mehr Sicherheit. Doch schon der Start zeigte, dass die Organisation anders funktionierte als klassische NGOs. Die Verteilpunkte wurden bewusst in von der IDF kontrollierten Zonen eingerichtet und weit weg von dicht besiedelten Wohngebieten. Ein Modell mit klarer Botschaft: Humanitäre Hilfe ja, aber nur unter strikter militärischer Kontrolle.
Der historische Kontext – Hilfe in einem permanenten Kriegsgebiet
Kaum ein Ort der Welt ist so dauerhaft zerstört wie der Gazastreifen. Über Jahre kumulierte Kriegsfolgen, Blockaden, Infrastrukturkollaps und eine totalitär agierende Hamas-Führung haben ein Umfeld geschaffen, in dem selbst elementare Versorgung nur schwer aufrechtzuhalten ist. Gleichzeitig wachsen Zweifel an bestehenden Strukturen: UNRWA steht unter massiver Kritik, andere NGOs kämpfen mit Korruption, Sicherheitsrisiken und politischer Einflussnahme. In diesem Geflecht wollte GHF eine Lücke schließen – allerdings mit einem Ansatz, der automatisch politisch aufgeladen war. Denn: Hilfe, die militärisch gesichert wird, ist für internationale Standards kaum neutral. Doch für Israel ist Neutralität längst ein theoretischer Luxus. Zu groß ist die Sorge, dass Hilfsgüter in die Tunnel, Raketenproduktion oder die Taschen der Hamas wandern.
Ein Modell zwischen Anspruch und Realität
GHF spricht von mehr als 187 Millionen Mahlzeiten, die an zwei Millionen Menschen verteilt worden seien. Eine beeindruckende Zahl – doch sie erzählt nicht die ganze Geschichte. Denn das Modell brachte klare strukturelle Schwächen mit sich:
- Hohe Hürden für die Bevölkerung: Menschen mussten oft kilometerweit zu den Ausgabestellen laufen, durch zerstörte Straßen und unsichere Zonen.
- Fehlende Infrastruktur: Ein Großteil der Lebensmittel musste erst gekocht werden – in einem Gebiet, in dem es an Kochstellen, Treibstoff und Wasser mangelt.
- Sicherheitsrisiken: Wiederholt kam es zu Schusswechseln und Zwischenfällen an den Verteilpunkten. UN-Berichte sprechen von über 1.000 Toten bei Zusammenstößen, die IDF widerspricht und verweist auf Warnschüsse.
- Nicht erfüllte Ziele: Die ursprünglich geplante Ausweitung auf 16 Ausgabestellen fand nie statt – man blieb bei drei.
Damit wurde klar: Das Projekt war ambitioniert, aber stark abhängig von israelischen Strukturen und politischen Bedingungen. Genau das machte es angreifbar – humanitär, politisch und finanziell.
Der Rückzug – offiziell ein Erfolg, praktisch ein Scheitern
GHF erklärte ihren Rückzug damit, man habe „die Grundlagen eines neuen Modells“ geschaffen und übergebe nun an internationale Mechanismen, insbesondere an das Civil-Military Coordination Center (CMCC). Doch hinter den Zeilen wird deutlich, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen:
- Finanzielle Probleme, die GHF kaum noch verbergen konnte.
- Widerstand anderer humanitärer Akteure, die ihre Unabhängigkeit durch das GHF-Modell gefährdet sahen.
- Zweifel an der Skalierbarkeit des Systems.
- Massive Sicherheitsrisiken, die das Projekt politisch immer untragbarer machten.
Offiziell geht die Organisation erhobenen Hauptes – faktisch ist es ein Rückzug unter Druck.
Was bedeutet der Abgang für die Menschen in Gaza?
Der Ausstieg einer großen Hilfsinitiative ist in Gaza nie ein isoliertes Ereignis. Er reißt Lücken:
- Weniger Kapazität, weniger Versorgung, weniger Planungssicherheit.
- Unklarheit darüber, ob und wie das CMCC das Modell überhaupt übernehmen kann.
- Weitere Politisierung der humanitären Arena, denn jede neue Struktur wird von Hamas, Israel und internationalen Akteuren unterschiedlich bewertet.
Und vor allem: Wenn Hilfe dauerhaft unter militärischer Kontrolle steht, leidet ihre Glaubwürdigkeit. Für Israel mag das ein notwendiger Sicherheitskompromiss sein. Für internationale Akteure ist es ein Konflikt mit humanitären Grundprinzipien.
Einordnung
Der Rückzug von GHF zeigt einmal mehr, wie toxisch das Geflecht aus Krieg, Macht und humanitären Mindeststandards im Gazastreifen geworden ist. Hier existiert keine neutrale Zone mehr. Jede Hilfslieferung ist politisch. Jeder Verteilungspunkt ist Teil eines Machtspiels. Und jede Organisation, die eintritt, muss sich entscheiden: Neutralität riskieren oder Wirksamkeit verlieren. GHF hat sich fünf Monate lang an diesem Dilemma abgearbeitet. Am Ende blieb die Erkenntnis: In Gaza scheitern nicht nur Hilfsmodelle – in Gaza scheitert jede Idee, die sich nicht mit der Realität der Machtverhältnisse auseinandersetzt.
